Verena Pawlowsky:

Mutter ledig - Vater Staat
Das Gebär- und Findelhaus in Wien 1784-1910

Studienverlag, Innsbruck 2001, 340 Seiten, ATS 454.00, EU 33.00, ISBN 3-7065-1548-2

Die Autorin hat sich intensiv mit den historischen Quellen des Wiener (resp. Niederösterreichischen) Findelhauses auseinandergesetzt. Sie präsentiert umfangreiches Datenmaterial und zitiert auch reichlich aus Schriften zur Diskussion. Schon allein aus dieser Perspektive handelt es sich um ein lesenswertes Buch. Wirklich interessant ist die Konfrontation mit den sozialen Umständen von Müttern im 19. Jahrhundert. Das Buch macht deutlich, dass es sich beim Findelhauswesen um einen, wenngleich nicht offen formulierten Versuch handelte, der offensichtlich weit verbreiteten Ablehnung von Kindern wegen der entsetzlichen Armut etwas entgegenzusetzen und gleichzeitig gegen die Armut nichts zu unternehmen; also den Frauen, insbesondere den unverheirateten (die ja schon nicht heiraten konnten, weil sie und ihre Partner zu arm waren) und den verheirateten (die durch die Geburt möglicherweise von einer zukünftigen Armut bedroht waren, oder durch eine außereheliche Geburt) eine Abgabe ihres Kindes zu ermöglichen, ohne die Mütter zu stigmatisieren und sie stillschweigend von der "Last des Kindes" zu befreien. Die präsentierten Zahlen demonstrieren, daß es sich um einen staatlich legitimierten Kindesmord handelte, der allerdings die Mütter aus der Verantwortung entließ ( über 90% der Kinder überlebten nicht die ersten Wochen bis weit ins 2. Drittel des 19. Jahrhunderts). Gleichzeitig handelte es sich beim Findelhauswesen um eine Chance durch die Aufnahme eines Pflegekindes ein wenig Geld zu verdienen. Auch wenn es sich bei den Pflegemüttern um andere Frauen als die leibliche Mutter handelte, wie die Autorin schreibt - sie waren oft im nahen örtlichen Umfeld angesiedelt und diese Kinder hatten die wesentlich besseren Überlebenschancen - so scheint es, dass einige Frauen das System für sich in einer kreativen Weise nutzen konnten, indem das Pflegegeld zu einer Vorläuferin des Karenzgeldes umfunktioniert wurde. Zu kurz kommen in diesem Buch die Frauen, nämlich dass die Abgabe eines Kindes auch unter dem Aspekt der nicht vorhandenen Empfängnisverhütungsmethoden gesehen werden muß einerseits, aber auch daß unerwähnt bleibt, wie viele der Mütter bei der Geburt starben, also auch keine Chance mehr hatten, sich um ihre Kinder zu kümmern. Offensichtlich wurden diese Daten separat verwaltet. Weiters tauchte bei mir die Frage auf, wie sich Findelpflege und Adoption historisch zueinander verhalten. In dem Buch konnte ich keinerlei Hinweis darauf finden. Adoption ist ja heute eine Möglichkeit geworden, unerwünschte Kinder gut zu versorgen.
Weiters fand ich interessant, wie schon damals Kindesmord nach der Geburt als Argument für die Findelpflege (lange Zeit konnten die Mütter anonym entbinden) verwendet wurde, so wie heute für die anonyme Geburt, wobei keines der beiden Systeme imstande ist, dies zu verhindern.

Marianne Ringler, Wien


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