Peter Diederichs: Psychoanalyse und Frauenheilkunde, Psychosozialverlag 2001, S: 199. DM 49,80. ISBN 3-89 806- 031-4

Der Autor, Psychoanalytiker, Diplom-Psychologe und Facharzt für psychotherapeutische Medizin hat in diesem Buch seine wichtigsten Arbeiten zur Psychosomatik in der Frauenheilkunde zusammengefasst. Seine klinischen Erfahrungen beruhen auf der mehrjährigen Tätigkeit in einer Universitätsfrauenklinik und später auf dem langjährigen gynäkologisch-psychosomatischen Konsiliardienst auf der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie des Klinikum Steglitz (Benjamin Franklin) der Freien Universität Berlin. Außerdem leitet er seit über 20 Jahren Balintgruppen für GynäkologInnen und GeburtshelferInnen und ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG).

Inhaltlich geht es um die Anwendung psychoanalytischer Theorien für das Ätiopathogeneseverständnis psychosomatischer Symptome und Erkrankungen in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Welchen Einfluss hat beispielsweise das Unbewusste auf die Fruchtbarkeit der Frau oder auf ihren Umgang mit der Empfängnisverhütung. Im ersten Teil des Buches werden daher psychodynamische Aspekte bei der Einnahme von Ovulationshemmern und der Sterilisation (chirurgische Kontrazeption) beschrieben. Insbesondere die bewusste Entscheidung junger Frauen gegen das Kinderkriegen mit Hilfe einer endgültigen Kontrazeptions-methode (Sterilisation) kann durch unbewusste Konflikte wie die Sorge um die körperliche Integrität, aus Angst vor dem Kind als oralem Konkurrenten, aber auch durch einen ödipalen Konflikt determiniert sein. Weiterhin werden Themen der geburtshilflichen Psychosomatik behandelt wie die Gebärstörungen, der unmittelbare Kontakt zwischen Mutter und Kind nach der Geburt, Gegenübertragungsprobleme der GeburtshelferInnen bei der Abnabelung und vor allem der Einfluß von Interaktionsproblemen des Kreissaalteams auf die Gebärende und den Geburtsverlauf.

Im zweiten Teil werden die neueren Entwicklungen der Psychoanalyse, die Objektbeziehungs- und Narzissmustheorie für die Psychosomatik in der Frauenheilkinde fruchtbar gemacht. So wird die Bedeutung des zentralen unbewussten Beziehungskonflikts bei der Entstehung der Miktionsstörungen, beispielsweise der chronischen Blasenentzündung, herausgearbeitet oder die mögliche Verschränkung des pathologischen Narzissmus von Patient und Operateur bei der Geschlechtsumwandlung bzw. bei der Transsexualität. Ein längerer Beitrag bezieht sich auf die Anwendung der psychoanalytischen Krankheitskehre für die Entstehung von psychosomatischen Symptomen und Krankheitsbildern in der Frauenheilkunde. Den Abschluß bildet ein Beitrag der Hamburger Psychoanalytikerin Viola Frick-Bruder über das Altern und den Narzissmus (Herausforderungen jenseits der Lebensmitte).

Das Buch ist klar geschrieben. Die theoretischen Inhalte der Psychoanalyse verständlich dargestellt. Sowohl die einzelnen Kasuistiken als auch die Darstellung der psychosomatischen Zusammenhänge sind für die Praxis hilfreich. Oft wird man beim Lesen an ähnlich gelagerte Fälle aus der eigenen Praxis erinnert, die einem nun im Licht der Ausführungen des Autors viel verständlicher erscheinen. Letztlich ist die psychosomatisch orientierte Frauenheilkunde auch Beziehungsmedizin.

Univ.Doz.Dr.Peter Kemeter


Zurück....